Manchmal brauchst du nicht mehr Anstrengung. Sondern einen anderen Fokus.

Was mir ein Langstock darüber beigebracht hat, warum wir manchmal feststecken – obwohl wir uns immer mehr bemühen.

Ich lerne gerade, mit dem Langstock Gùn umzugehen. Und heute gab es diese eine Bewegung.
Der dünne Teil des Stocks sollte unter meinen Arm schwingen. Also konzentrierte ich mich genau darauf.

Ich versuchte es. Noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal.

Kein Flow.

Dafür immer mehr Frustration.

Und was machen wir gerne, wenn etwas nicht funktioniert? Natürlich noch mehr von dem, was schon vorher nicht funktioniert hat. Ich konzentrierte mich stärker. Kontrollierte die Bewegung genauer. Wollte sie endlich richtig hinbekommen.

Bis meine Freundin und Trainerin sagte: „Konzentrier dich nicht auf den dünnen Teil. Dreh das dicke hintere Ende nach außen.“

Also richtete ich meine Aufmerksamkeit auf das andere Ende des Stocks. Ich probierte es. Und plötzlich floss die Bewegung.
Keine neue Technik. Keine zusätzliche Übung. Keine größere Anstrengung.

Nur ein anderer Fokus.

Ich konnte es die ganze Zeit

Genau dieser Moment hat mich beschäftigt. Denn zwischen „Es funktioniert nicht“ und „Es fließt“ lagen vielleicht zehn Sekunden.

Meine körperlichen Fähigkeiten hatten sich in diesen zehn Sekunden nicht verändert. Der Stock war derselbe. Die Bewegung war dieselbe.
Aber meine Aufmerksamkeit hatte sich verändert.

Und plötzlich auch mein Erleben.

Diese Erkenntnis hat mich beschäftigt. Sie berührt eine Frage, mit der ich mich gerade intensiv auseinandersetze:

Warum können wir manchmal nicht auf das zugreifen, was wir eigentlich längst wissen und können?

Wenn unsere Antwort auf „Es funktioniert nicht“ einfach „mehr“ lautet

Dieses Muster kenne ich nicht nur aus dem Training.

Wenn etwas nicht funktioniert, reagieren wir häufig mit mehr.

Mehr Anstrengung.
Mehr Kontrolle.
Mehr Analyse.
Mehr Disziplin.
Mehr vom Gleichen.

Und manchmal ist genau das richtig. Manche Dinge brauchen Übung. Wissen. Konsequenz. Zeit. Ressourcen. Oder eine konkrete Veränderung der äußeren Bedingungen.

Aber manchmal passiert etwas anderes.
Unsere Anstrengung steigt – und gleichzeitig verändert sich unser Zustand.

Wir werden ungeduldiger.
Angespannter.
Frustrierter.
Unser Blick auf die Situation wird möglicherweise enger.

Und ausgerechnet in diesem Zustand versuchen wir dann noch intensiver, eine Lösung zu finden.

Das kenne ich auch aus dem Leadership

Ein schwieriges Gespräch läuft nicht so, wie wir wollen. Also versuchen wir noch stärker, unser Gegenüber zu überzeugen.

Ein Team übernimmt zu wenig Verantwortung.
Also kontrollieren wir noch genauer.

Eine Veränderung kommt nicht schnell genug voran.
Also erhöhen wir den Druck.

Wir selbst schaffen unsere Aufgaben nicht.
Also versuchen wir, noch effizienter zu werden.

Mehr Einsatz.
Mehr Kontrolle.
Mehr vom Gleichen.

Dabei fehlt uns möglicherweise gar nicht das Wissen darüber, was wir eigentlich tun könnten.

Wir wissen vielleicht, dass wir zuhören sollten, statt weiter zu argumentieren.
Dass mehr Kontrolle nicht automatisch mehr Verantwortung erzeugt.
Dass zusätzlicher Druck eine festgefahrene Situation nicht unbedingt löst.

Und trotzdem tun wir manchmal genau das.

Nicht, weil uns Kompetenz fehlt. Sondern weil sich unser Zugriff auf diese Kompetenz in bestimmten Situationen verändern kann.

Aufmerksamkeit und Zustand beeinflussen sich gegenseitig

Genau hier wird die Erfahrung mit meinem Langstock für mich interessant. Nicht, weil ich glaube, dass sich komplexe Probleme mit einem simplen Fokuswechsel lösen lassen.

Und schon gar nicht: Denk einfach anders und alles wird gut.

So funktioniert weder Leadership noch das Leben.

Mich interessiert etwas anderes.

Was passiert mit unserem Denken, Wahrnehmen und Handeln, wenn sich unser Zustand verändert?

Und welche Rolle spielt unsere Aufmerksamkeit dabei? Denn Aufmerksamkeit und Zustand stehen nicht unabhängig nebeneinander.

Wenn wir unter Druck geraten, frustriert oder unsicher werden, kann sich auch unsere Wahrnehmung verändern. Unser Blick kann enger werden und sich immer stärker auf das Problem, die Gefahr oder das gewünschte Ergebnis richten.

Und worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, kann wiederum darüber entscheiden, wie wir eine Situation erleben.
So kann eine Wechselwirkung entstehen:

Je mehr etwas funktionieren muss, desto stärker fokussieren wir uns darauf. Je weniger es funktioniert, desto größer wird die Anspannung.
Und je größer die Anspannung wird, desto schwieriger kann es werden, überhaupt noch andere Möglichkeiten wahrzunehmen.

Vielleicht schauen wir dann irgendwann mit enormer Konzentration auf ein Ende des Stocks – und übersehen, dass die Bewegung am anderen Ende entstehen könnte.

Unsere Fähigkeiten sind noch da. Aber ist auch unser Zugriff darauf da?

Genau an diesem Punkt berührt die kleine Erfahrung aus meinem Training für mich das Thema Zustandskompetenz.

Zustandskompetenz bedeutet für mich, wahrzunehmen, was gerade in mir passiert – und zunehmend zu verstehen, wie mein Zustand mein Denken, Entscheiden und Handeln beeinflusst.

Denn unsere Fähigkeiten verschwinden unter Druck nicht plötzlich. Aber unser Zugriff auf sie kann sich verändern.

Das kenne ich auch aus meiner eigenen Zeit als Leader.

Ich wusste, wie ich Gespräche führen wollte.
Ich wusste, wie wichtig es ist, zuzuhören, Verantwortung abzugeben oder einen Moment innezuhalten.

Und trotzdem gab es Situationen, in denen ein Trigger gereicht hat – und ich nicht mehr so geführt habe, wie ich eigentlich führen wollte.

Das Wissen war nicht weg. Meine Erfahrung war nicht weg. Und trotzdem stand mir beides in diesem Moment offenbar nicht in derselben Weise zur Verfügung.

Genau diese Lücke finde ich heute spannend:

die Lücke zwischen dem, was wir wissen – und dem, worauf wir in einem bestimmten Zustand tatsächlich zugreifen können.

Vielleicht ist die erste Frage nicht: Was muss ich noch tun?

Seit meinem Training geht mir deshalb eine Frage nicht aus dem Kopf. Wenn wir feststecken, fragen wir häufig: Was muss ich noch tun, damit es endlich funktioniert?

Vielleicht lohnt sich vorher eine andere:

Worauf konzentriere ich mich gerade – und was macht dieser Fokus mit meinem Zustand?

Vielleicht brauchen wir manchmal nicht mehr Wissen.
Nicht noch eine Methode.
Nicht noch mehr Anstrengung.

Sondern manchmal vielleicht nur:

einen Blick auf das andere Ende des Stocks. 😉

Ich bin Anabel Wunderlich

Ich bin Anabel Wunderlich

Wohin mich meine Reise führt, weiß ich nicht.
Was ich weiß: Ich habe sie endlich begonnen.
Und ich war noch nie so lebendig, so verbunden, so echt wie heute.

Wenn du spürst, dass auch in dir etwas in Bewegung kommen will,
dann lade ich dich ein:
Begib dich auf deine wunderliche Reise. Ich begleite dich sehr gerne!

mehr aus meinem Blog

Zwischen Wissen und Verhalten liegt unser Zustand

Warum wir oft genau wissen, was richtig wäre – und trotzdem anders handeln. Ich weiß, was ich tun will. Ich kenne sogar die nächsten Schritte. Und trotzdem tue ich sie nicht. Dieser Gedanke hat mich vor Kurzem ziemlich unvermittelt erwischt. Nicht, weil mir ein Plan...

mehr lesen

Kontakt – der Weg zur Veränderung

Manche begrüßen Veränderung mit offenen Armen, andere fühlen sich in stabilen Strukturen wohler und erleben Wandel eher als Bedrohung. Doch egal, wie wir dazu stehen: Veränderung gehört zum Leben

mehr lesen

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

kontaktiere mich per WhatsApp